Autorenstiftung

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Das "Gott-Projekt"

Im Herbst 2004 entstand die Idee, Theater zu suchen, die Autoren ihrer Wahl den Auftrag geben, ein Stück für Kinder unter zehn Jahren zu schreiben, das die Frage stellt: Wer oder was ist Gott? Ausgangspunkt für diese Idee war, dass es mit der langsam wachsenden Wahrnehmung der Welt zur Entwicklung eines Kindes gehört, die Frage nach dem Warum und Woher, nach einem Zusammenhang, nach einer Richtung, nach Sinn oder Gott zu stellen, und dass es nur ganz wenige Stücke gibt, die diesen Entwicklungsschritt des Kindes begleiten.

Das Thema birgt also eine sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Notwendigkeit. Das Theater ist einer der wenigen Orte in unserer Gesellschaft, wo beides aufeinander trifft, wo öffentlich individuelle Problemstellungen verhandelt werden. Insofern stellt es eine geradezu ideale Schnittstelle dar, um die Frage nach »Gott« aufzugreifen. Umso erstaunlicher, dass bislang nur wenige Dramatiker sich dieses Themas angenommen haben.

Die Resonanz bei den Theatern war denn auch entsprechend groß. Spontan haben fünf profilierte Bühnen Autoren beauftragt, ein Stück zu diesem Thema zu schreiben. Der Verlag der Autoren gab die Zusicherung, die neu entstehenden Stücke in einem Buch, im Spielplatz 19, zu versammeln, die Frankfurter Autorenstiftung unterstützte das Projekt finanziell.

 

Das Geheimnis der Blätter von Rudolf Herfurtner
Uraufführung: 22.4.2006, Ömmes und Oimel, Köln, Regie: Catharina Fillers
Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Rudolf Herfurtner ist der einzige der fünf Autoren, der sich in zwei früheren Stücken Joseph und seine Schwester und Ester und der König von Persien bereits intensiv mit biblischen Stoffen auseinandersetzte. Den Hinweis von Catharina Fillers, dass die Kinder in ihrem Zuschauerraum nicht nur den christlichen Konfessionen angehören, griff er auf. Ausgangspunkt für sein Stück ist deshalb die Ringparabel, die als Teil von Lessings Nathan der Weise zum Kanon unserer Kultur gehört.
Herfurtners Protagonisten, ein Er, der Verfolgung und Herumgeschubse nur zu gut kennt, und eine Sie mit einem lahmen Humpelbein, begeben sich unabhängig von einander auf die Suche nach dem Baum, der die schönsten aller Blätter trägt. Aber der Weg gestaltet sich schwieriger als gedacht. Bevor sich die Türen zu dem gesuchten Garten öffnen, müssen die beiden lernen, Versuchungen zu widerstehen und sich gegenseitig zu akzeptieren, sich, wie es der Ring verlangt, »angenehm vor Gott und den Menschen« zu machen.

 

An der Arche um acht von Ulrich Hub
U: 6.4.2006, Badisches Staatstheater Karlsruhe, R: Ulrich Hub
Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Wie kann man über Gott sprechen? Dieses Problem hat Ulrich Hub mit der Entscheidung für anthropomorphe Figuren gelöst. Und gleichzeitig war damit der Stoff für das Stück gefunden: die Sintflut. Seine drei Pinguine, ungefähr so groß wie Kinder, mit ihrem watscheligen, an Clowns erinnernden Gang, weißer Hemdbrust und schwarzem Frack, können die großen Fragen nach Gott und der Welt ganz direkt und ernst stellen, ohne in Kitsch oder Kindertümelei zu verfallen.
Wer darf auf die Arche? Von jeder Gattung nur zwei? Aber die Pinguine sind zu dritt. Sie können doch nicht einfach ihren Freund zurücklassen. Was tun? Und was wird Noah dazu sagen? Mit diesen komplizierten Fragen beginnt das Stück - und endet als eine kleine Hymne auf Freundschaft und Solidarität.

 

Ja von Kristo Šagor
U: 27.4.2006 Nationaltheater Mannheim, Schnawwl, R: Andrea Gronemeyer
Aufführungsrechte: Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb, Berlin
Bevor Kristo Šagor mit dem Schreiben begann, gab es im Sommer 2005 in Mannheim eine Improvisationsphase, an der Autor, Regisseurin und Schauspieler des Schnawwl teilnahmen, um sich dem Thema zu nähern. Allen Beteiligten war von Anfang an klar, dass zuerst die Frage geklärt werden muss: »Woran glauben wir, die Macher? Und was wollen wir Kinder glauben machen?«
So hat Kristo Šagor die Suche nach einer die Richtung weisenden Kraft in das Zentrum seines Stückes gestellt, für das er im Dezember 2005 einen Preis der Frankfurter Autorenstiftung erhielt. In der Begründung der Jury heißt es: »Kristo Šagor schickt in seinem Theaterstück Ja die kleine Lilly auf eine Reise. Er setzt ein Kind in einen Zug und traut ihm zu, dass es sich im unglaublichen Panoptikum des Lebens allein zurechtfindet. Aber Lilly hat den Glauben, dass sie der Zug dahin bringt, wo ihr Ziel ist. Ja ist ein Stück, in dem große Fragen gestellt werden. Ein Stück auch, mit dem man noch lange nicht fertig ist, wenn man es zu Ende gelesen hat. Für jede Szene gibt es mehrere mögliche Interpretationen. Es gibt viel zu entschlüsseln und viele Fragen zu stellen. Also bringt es auch viel Futter für Herz und Verstand, sowohl für das Theater wie auch für sein Publikum.«

 

Die Schöpfung; Gott Fritz von Friedrich Karl Waechter
U: 19.11.2005, Junges Ensemble Stuttgart, R: Brigitte Dethier
Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Das Theater entschied sich für die Inszenierung des Bilderbuchs Die Schöpfung von Friedrich Karl Waechter. In dem im Diogenes Verlag erschienenen Buch wird gezeigt, wie ein kleiner Junge langsam seinen Wahrnehmungshorizont erweitert, wie er, ausgehend von seinem Körper und dessen Ausscheidungen, die Welt entdeckt und wie diese immer größer wird. Bunt und lebendig aber wird seine Welt erst durch die Anwesenheit eines zweiten Menschen, eines Mädchens, und durch die Erfahrung der Liebe. Wahrnehmung wird von dem Zeichner und Autor Friedrich Karl Waechter hier mit dem Schöpfungsakt gleichgesetzt.
Da das Bilderbuch die Geschichte im Wesentlichen mit Zeichnungen erzählt und mit nur ganz wenigen Sätzen auskommt, da sich die Stuttgarter Inszenierung ganz auf Musik und die Körpersprache des Schauspielers Marc Wetter stützt, sich also auf theatralische Bilder verlässt, und da schließlich F.K. Waechter aufgrund seiner schweren Krankheit den Produktionsprozess nicht mehr begleiten konnte, ist in diesem Band Gott Fritz, seine Theaterversion der Geschichte, die er bereits im Jahr 2002 verfasste, abgedruckt.

 

Albert und der Sumo-Engel von Ulrich Zaum
U: 1.6.2006, Theater der Jungen Welt, Leipzig, R: Jürgen Zielinski
Aufführungsrechte: S. Fischer Theaterverlag, Frankfurt am Main
Den Ausgangspunkt der Handlung in seinem Stück beschrieb Ulrich Zaum: »Was für ein Krach und ein Getöse in einem Kind, das immer unter Druck steht, voll gepackt mit Wut und Angst, Zerstörungslust und Schuldgefühlen. Was geht dann los, wenn der ganze Lärm aufhört, wenn aus der Stille dann eine Regung sich bemerkbar macht.«
Der neunjährige Albert ist dick, bei seinen Lehrern als Schwätzer verrufen, von seinen Mitschülern gehänselt und gefürchtet und leicht zu provozieren. Er pendelt zwischen der Welt seiner allein erziehenden Mutter und der seines deutschrussischen Vaters. Während die Mutter Anpassung erwartet, fordert der Vater, dass er sich durchsetzt, notfalls auch mit Gewalt. Hin- und her gerissen zwischen beiden Elternteilen, weiß er nicht, wo er hingehört, wer er eigentlich ist. Durch die Freundschaft mit dem verspotteten Mädchen Selina lernt Albert langsam, seiner eigenen Stimme und seinen Gefühlen zu vertrauen.
In Albert und der Sumo-Engel beschreibt Ulrich Zaum die Entdeckung des eigenen Ichs als eine Begegnung mit einem Engel, als einen rauschhaften, religiösen Vorgang.

 

In keinem der fünf Stücke gibt es einen Gott mit langem Bart. Auffällig ist, dass stattdessen drei von ihnen die Suche nach dem richtigen Weg, nach einer die Richtung weisenden Instanz zeigen. Aber auch in den beiden anderen Stücken wird anhand der Handlung ein Erkenntnisprozess vorgeführt. An der Arche um acht von Ulrich Hub beschreibt die Reise mit der Arche selbst als eine solche Erfahrung. Und Friedrich Karl Waechter erzählt diesen Vorgang, indem er die anfangs narzisstisch geprägte Erfahrung von Welt öffnet auf die Entdeckung des anderen hin, das Erlebnis der Liebe.

Keines der fünf Stücke beantwortet die Frage, wer oder was Gott sei, mit einem bestimmten Bild von Gott. Aber jedes handelt von der Notwendigkeit, das Leben in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Die Figuren der Stücke begeben sich alle, jeweils auf ganz spezifische, individuelle Weise, auf die Suche nach ihrem Platz. Und sie alle werden fündig - jede auf ihre Art. Es gibt zwar keine allgemeingültige Zielvorstellung, aber das tröstliche Ergebnis der Suche ist, dass - bei aller individuellen Verschiedenheit der Texte und Figuren - das Erlebnis von Freundschaft und Liebe die gemeinsame, sie verbindende Erfahrung ist.

Marion Victor

Treatment-Thesaurus | Foto: Donata Wenders/Verlag der Autoren
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c/o Verlag der Autoren
60327 Frankfurt am Main

19. April 2006