Autorenstiftung - Kindertheaterpreis 2005

[ Stiftung ]

Was wir gelesen haben
Ein Resümee der Einreichungen
von Jurymitglied Annette Reschke

Wir haben unsere Auswahl aus 226 Stücken zu treffen gehabt. 170 davon kamen erst in den letzten 2 Wochen vor Einsendeschluss bei der Autorenstiftung an, die Tinte noch nicht trocken, einige gar mit dem Hinweis "vorläufige oder erste oder Vorab-Fassung". Daraus schließen wir, dass die Ausschreibung ein erstes ihrer Ziele erreicht hat: nämlich dazu anzustiften, ein Debut fürs Kindertheater erst zu schreiben.

Animiert fühlten sich auch zahlreiche nicht professionelle Autoren und Autorinnen, Kindergarten -Kollektive und Theater-AGs, die Kinder, ganze Schulklassen oder Hortgruppen, als Darsteller im Blick hatten statt professioneller Ensembles.

Die meisten Texte richteten sich an ein Publikum zwischen 8 und 12 Jahren, Kinder im Vorschulalter waren wenn überhaupt fast ausschließlich nur in Stücken als Zielgruppe gefragt, in denen sie zugleich als Darsteller vorgesehen waren.

226 Stücke, sollte man meinen, würden eine ganze Bandbreite von Themen und Formen erfassen, die der Lebenswirklichkeit von Kindern heute gerecht würden.
Ich nehme vorweg: das war ein Trugschluss.

Erstaunlicherweise dominierten letztlich nur zwei Themen: Einsamkeit und Suche nach Freundschaft mit der Variante "Mobbing auf dem Schulhof" und dem Extrem "Ausreißen von zuhause" sowie - mit weitem Abstand- die Zerstörung der Umwelt. Darüberhinaus gab es eine große Gruppe von ausgewiesenen Lehrstücken für Kinder: Stücke über das Glück, die Tonleiter und den Verdauungsapparat, über Rechtsschreibung und Wetter (mit Buchstaben und Wolken als handelnden Figuren), eine interaktive Physik-Performance und eine Kulturreise durch die Jahrhunderte unter dem Motto Mona Lisa goes Pisa. Wir stellten überhaupt fest, dass viele Stücke einen sehr pädagogischen Anspruch verfolgten.

Zurück zu den Hauptthemen: Ein grundsätzlicher Befund, der jedoch erstaunlicherweise kaum je selbst zum Gegenstand eines Stückes sondern als gegeben vorausgesetzt, fast könnte man sagen, hingenommen, wird, weil er in der Gesellschaft normal geworden ist: die aufgelöste Familie. Mir ist tatsächlich unter den Einsendungen kein Stück im Gedächtnis, in dem es ein intaktes Elternhaus gäbe und kaum ein Kind hat Geschwister. Zumeist lebt es bei der alleinerziehenden, berufstätigen, latent überforderten Mutter und sieht den Vater, falls vorhanden, nur gelegentlich, wenn überhaupt.

Vor diesem Hintergrund kein Wunder, wenn Einsamkeit und Suche nach Freundschaft ein Hauptthema ist. Doch: Wohin geht die Suche und welchen Freund findet der oder die Einsame? Die Antwort ist frappierend: Die Suche führt ins Märchenland und der Freund ist selten aus menschlichem Fleisch und Blut. Sonneninsel und Räuberwald, Feen, Elfen, Ritter, Engel, Geister, Tiere aller Art, Trolle und Commander aus dem Computerspiel- mit einem Satz: Die Kinder ergreifen die Flucht in eine andere Welt. Frage an die Autoren: Ist das eine Feststellung oder eine Empfehlung?

Das einzig Verteidigenswerte an ihrer realen Welt, ist, so scheint es, die Umwelt, oft der Wald. Dessen natürliche Feinde sind wie gehabt Autobahnen, Supermärkte, Parkplätze und Chemikalien. Aber auch die Natur erscheint oft als eine ins Märchenhafte verzauberte, das zeigt sich in sprechenden Tieren, Regenbögen, Pflanzen und Vulkanen und gipfelt im "Aufstand der sprechenden Bäume".

Thematischer Eskapismus auf der einen Seite, formale Unsicherheit auf der anderen Seite. Viele Stücke vernachlässigten geradezu dramaturgische Gesetze und offenbarten eine Gedankenlosigkeit gegenüber dem Medium Theater und speziell dem Kindertheater, die auch nicht wettgemacht wurde durch eine besondere Kühnheit oder Kraft.

Der entscheidenden Herausforderung des Kindertheaters haben sich die wenigsten Autoren gestellt, vielleicht weil sie ihnen gar nicht bewusst war: eine ästhetische Lösung für das strukturelle Problem zu finden, dass Kinderrollen von erwachsenen Schauspielern verkörpert würden. Auffallend häufig gab es Anleihen beim "Erzähltheater", oft genug wurden die erzählenden Passagen jedoch immer dann eingefügt, wenn die handelnden Figuren nicht mehr weiterkamen und die Geschichte ins Stocken geraten war - "Erzähltheater" als Überbrückungshilfe.

Dem Mangel an Distanzierung und theatraler Übersetzung, den wir bei vielen Stücken beobachtet haben, entspricht der Mangel an Gestaltung von Sprache. Sprache für Kinder - das ist für viele Autoren gleichbedeutend mit Sprache von Kindern, mit Schulhofjargon und Alltagskommunikation, die 1:1 übernommen werden. Und wenn es einmal rhythmisch zugeht, dann reimt es sich auch gleich und heißt "Lyrikversion". Aber das ist eben so, wenn man das Wagnis eingeht, Debuts herauszufordern.

"Den Stoffen und ihrer Umsetzung, den Erfindungen und ihrer Darstellung sind kaum Grenzen gesetzt", hieß es in der Ausschreibung für diesen Preis. Immerhin 16 Stücke haben diese Grenzen gesucht und hoben sich deutlich aus den Einsendungen hervor, manche noch unfertig, aber alle bemerkenswert und begabt. Das ist keine so schlechte Ausbeute für einen Wettbewerb von Erstlingsstücken. Aus dieser shortlist ragten am Ende vier Stücke wie Leuchttürme heraus, der eine dicker, der andere höher, aber mit derselben Leuchtkraft. Weil wir natürlich folgsam der Ausschreibung gerecht werden wollten, haben wir die Frage nach der Rangfolge durchaus diskutiert - aber nur kurz. Denn wir waren uns einig: diese vier Stücke sind in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit gleich hoch zu bewerten.

Deshalb vergibt die Autorenstiftung auf Empfehlung der Jury nicht einen ersten, zweiten, dritten Preis und zwei Fördergaben, sondern 4 gleichwertige Preise für vier in unseren Augen gleichwertige Debuts im Kindertheater.

Treatment-Thesaurus | Foto: Donata Wenders/Verlag der Autoren
nach oben  
 

Frankfurter Autorenstiftung
c/o Verlag der Autoren
60327 Frankfurt am Main

19. Dezember 2005